Evangelische Martinskirche Nierstein
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Albert Schweitzer und die Musik
Vortrag und Orgelmusik am Sonntag, den 2. Oktober 2011,
mit Rainer Noll
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Lothar Graap (geb. 1933)
Fantasia A-(E)S (Hommage à Albert Schweitzer)
„Albert Schweitzer und die Musik"
Vortrag mit anschließendem Gespräch
Johann Sebastian Bach (1685 - 1750)
„Vor deinen Thron tret ich hiermit" BWV 668
Fuge g-moll BWV 578
„Schmücke dich, o liebe Seele" BWV 654
Präludium und Fuge e-moll BWV 533
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Lothar Graap wurde 1933 in Schweidnitz/Schlesien geboren. 1946 Unterricht am Konservatorium Görlitz. 1950-54 Studium an der Kirchenmusikschule Görlitz bei Eberhard Wenzel (Theorie und Komposition) und Horst Schneider (Orgel) mit Abschluss B-Prüfung. 1954 Kirchenmusiker in Niemegk/Kreis Belzig. 1957 Kantor an der Klosterkirche Cottbus. 1975 A-Prüfung. 1981 Kirchenmusikdirektor. 1991 Dozent für Orgelspiel am Cottbuser Konservatorium. Seit 1998 lebt er nahe Berlin.
Lehrjahre
Konzerttätigkeit
Mit siebzehn Jahren erstes Orgelspiel im Konzert (Begleitung des Brahmsschen Requiems in Mülhausen unter Eugen Münch).
1894-1910 Organist des Wilhelmerchores in Straßburg unter Ernst Münch (Bruder von Eugen in Mülhausen). Hier Mitwirkung bei 60 Chorkonzerten (hauptsächlich Werke von Bach, aber auch von Beethoven, Bruckner, Händel, Mozart und Schumann). Bei Bach-Werken begleitete er aus dem Klavierauszug, in den er sich die Generalbassbezifferung eingetragen hatte. „Pressechef der Wilhelmer Konzerte": Er schrieb die Programmerläuterungen und die Presseankündigungen.
1905-1912 Organist der Pariser Bachgesellschaft, deren Gründungsmitglied er 1905 neben Gustave Bret, dem Dirigenten der Konzerte der Gesellschaft, Paul Dukas, Alexandre Guilmant, Vincent d'Indy, Charles-Marie Widor und Albert Roussel war. Mitwirkung bei 16 Konzerten (bei seinem letzten am 25. April 1912 erstes und einziges Mal auch als Solist in Paris!). Auch hier verfasste er die Programmerläuterungen.
Die Pariser Bachgesellschaft schickte ihm als Dank für seine Verdienste ein tropenfestes Klavier mit Orgelpedal nach Lambarene, auf dem er bis zu seinem Tode an seinem Orgelrepertoire arbeitete (steht heute in seinem Haus in Günsbach).
1908-1921 Organist des Orfeó Català in Barcelona unter Lluìs Millet. Mitwirkung bei 12 Konzerten (das letzte war die Erstaufführung der Bachschen Matthäuspassion in Spanien am 27. 2. 1921). Neben den Programmerläuterungen gehörte zu Schweitzers Aufgaben die Auswahl der Solisten und Einzelproben mit ihnen, sowie die Einrichtung des Orchestermaterials.
Mit achtzig Jahren letztes Konzert am 18. September 1955 in Wihr-au-Val (Elsass). Insgesamt spielte Schweitzer in 487 feststellbaren Konzerten in Elsass-Lothringen (150), der Schweiz (73), Deutschland (67), Schweden (63), Holland (39), England (30), Frankreich (23), Dänemark (20), Spanien (13), Tschechien (7), Italien (1) und Guinea (1).
Auf die Jahre gesehen ragen besonders 1922 mit 77 Konzerten, 1928 mit 70 Konzerten und 1932 mit 42 Konzerten heraus.
Das Repertoire der Solokonzerte bestand hauptsächlich aus Werken von Bach, aber auch regelmäßig aus Werken von Mendelssohn, Widor und César Franck (vor dem Ersten Weltkrieg auch noch einigen anderen).
Schallplattenaufnahmen
Schweitzer spielte verhältnismäßig viele Schallplatten ein (von Thomaskantor Karl Straube [1873 - 1950], dem großen Reger-Interpreten, besitzen wir dagegen nicht ein einzige).
1. 1928: Aufnahmen auf der Orgel von Queen's Hall in London für His Master's Voice (Werke von Bach und Mendelssohn).
2. 1935: Aufnahmen auf der Orgel von All Hallows in London, Barking-by-the-Tower, für Columbia London (Werke von Bach).
3. 1936: Aufnahmen auf der Orgel von St. Aurelien in Straßburg für Columbia London (Werke von Bach und Franck)
4. 1951/52: Aufnahmen auf der Orgel der Dorfkirche in Günsbach für Columbia USA (Werke von Bach, Franck, Mendelssohn und Widor)
Publikationen
1905: „J.-S. Bach, le musicien-poèt" (französisches Bach-Buch)
1906: „Deutsche und französische Orgelbaukunst und Orgelkunst" (1927 nochmals mit einem ausführlichen Nachwort erschienen)
1908: „J. S. Bach" (deutsches Bach-Buch)
1909: „Internationales Regulativ für Orgelbau"
1912/13: „Johann Sebastian Bach: Complete Organ Works" Band 1-5 (Schirmer, New York)
1954: „Johann Sebastian Bach: Complete Organ Works" Band 6 (Schirmer, New York)
1967: „Johann Sebastian Bach: Complete Organ Works" Band 7+8 (Schirmer, New York)
1984: „Albert Schweitzers nachgelassene Manuskripte über die Verzierungen bei Johann Sebastian Bach" (Bach-Studien 8, Leipzig)
1995: „Die Orgelwerke Johann Sebastian Bachs. Vorworte zu den »Sämtlichen Orgelwerken«"
„Vor deinen Thron tret ich hiermit" BWV 668:
„In den letzten Monaten seines Lebens beschäftigte sich Bach mit der Auswahl und Revision von Choralkompositionen und gab ihnen die endgültige Form. Inmitten dieser Arbeit befiel ihn ein schmerzhaftes Augenleiden. Ein Augenarzt operierte ihn, wodurch sich sein Zustand noch verschlimmerte. Anscheinend hat der Meister die letzten Wochen seines Lebens in verdunkeltem Zimmer verbracht." (Covertext der LP A 01110 L von Philips „J. S. Bach, Schweitzer, Folge II, Choralvorspiele", aufgenommen 1952 in der Pfarrkirche zu Günsbach)
Schweitzers Auffassung, dass Bach diesen Choral seinem Schwiegersohn Altnikol in diesem Zustand in die Feder diktierte, wurde von der Forschung widerlegt. Richtig ist, dass Bach im Zuge seiner Revisionsarbeit tatsächlich an dieser schon unter dem Titel „Wenn wir in höchsten Nöten sein" vorhandenen Choralbearbeitung Verbesserungen von fremder Hand ausführen ließ und dabei wohl den Titel in den des Chorales „Vor deinen Thron tret ich hiermit" ändern ließ, der zur gleichen Melodie gesungen wurde (RN). Weiter mit Schweitzer:
„Er wollte damit ausdrücken, dass er schon über alle ,höchsten Nöte' hinaus sei und sich bereite, vor Gottes Thron zu erscheinen.
Um seinen letzten Gedanken auszudrücken, greift er auf den Pachelbelschen fugierten Choral zurück. An ihm zeigt er noch einmal seine kontrapunktische Kunst. Sie ist so vollendet, dass keine Schilderung einen Begriff von ihr geben kann. Jeder Melodieabschnitt wird in einem fugierten Satz behandelt, in dem Thema und Umkehrung zugleich auftreten. Dabei fließen die Stimmen so natürlich einher, dass man schon nach der zweiten Zeile der Kunst nicht mehr gewahr wird, sondern ganz unter dem Banne des Geistes steht, der aus diesen G-Dur-Harmonien redet.
Das Weltgetümmel drang durch die verhängten Fenster nicht mehr hindurch. Den sterbenden Meister umtönten bereits Sphärenharmonien. Darum klingt kein Leid mehr in seiner Musik nach; die ruhigen Achtel bewegen sich schon jenseits jeglicher Menschenleidenschaft; über dem Ganzen leuchtet verklärter Friede. So erlebte Bach, bei aller körperlichen Not, das selige Sterben, das er in den Kantaten so oft sehnend besungen hat [ähnlich wie Schweitzer selbst!]." (A. Schweitzer, „Die Orgelwerke J. S. Bachs - Vorworte zu den ,Sämtlichen Orgelwerken'", Hildesheim - Zürich - New York, 1995, S. 260)
Fuge g-moll BWV 578:
„In welcher Reihenfolge die Werke, in denen er [Bach] die Meisterprüfung ablegt, entstanden sind, lässt sich nur ahnen. Ein Ereignis in Bachs Schaffen bezeichnet zweifellos die kleine g-moll-Fuge (...). Ein so kraftvoll und groß angelegtes Thema (...) ist in der Orgelmusik vorher überhaupt nicht aufzuweisen. Dazu kommt die wuchtige, zusammengeraffte Entwicklung der Fuge, in welcher die ,Fugenphrase' fast ganz überwunden ist. (...) Die unmittelbare Frische der Erfindung verleiht diesen [frühen] Werken ihren ganz besonderen Reiz. Auf den Hörer wirken sie unter allen Bachschen Orgelsachen fast am elementarsten." (A. Schweitzer, „J. S. Bach", Wiesbaden 1960, S. 234)
„Schmücke dich, o liebe Seele" BWV 654:
„Von diesem Choral war Felix Mendelssohn so hingerissen, dass er zu Robert Schumann äußerte, ,wenn das Leben ihm Hoffnung und Glauben genommen, so würde ihm dieser einzige Choral alles von neuem bringen'. Mendelssohn hatte ihn in die Schönheit der Bachschen Orgelchoräle eingeführt. ,Schmücke doch, o liebe Seele' gehörte zu seinen Lieblingsstücken. An der Stelle, an der er den erwähnten Ausspruch wiedergibt, vergleicht Schumann die Stimmen, die den Cantus firmus umspielen, mit vergoldeten Blättergewinden, die um ihn gehängt sind, und ist ergriffen von der Seligkeit, die darin ausgegossen ist.
Und wirklich ist die Stimmungsmalerei der für die Abendmahlsfeier bestimmten Komposition einzig in ihrer Art. Es geht ein Zug mystischer Sinnlichkeit durch sie hindurch. Die Idee der bräutlichen Liebe der Seele zu Christus, die im Texte in Anlehnung an Gedanken des Hohen Liedes und die Vorstellung des himmlischen Abendmahles besungen wird, spielt in die Darstellung der Seligkeit des Genusses des heiligen Mahles mit hinein und lässt die verträumte Musik von wonniglichen Schauern bewegt werden. Wer einmal von ihrem Zauber ergriffen ist, kommt nicht mehr von ihr los und versteht, was Mendelssohn und Schumann erlebten, als sie in diesem Stücke miteinander neben dem großen Fugenmeister der Überlieferung noch einen andern Bach entdeckten." (A. Schweitzer, „Die Orgelwerke J. S. Bachs - Vorworte zu den ,Sämtlichen Orgelwerken'", Hildesheim - Zürich - New York, 1995, S. 250)
Präludium und Fuge e-moll BWV 533:
Für das Präludium fordert Schweitzer den „Sinn für das Feierlich-Große": „Das Präludium muss herauskommen, als wäre es aus Marmor gehauen." Er hört in dem Werk das „Heilig! Heilig! Heilig!", das sich die Engel bei der Berufung des Propheten Jesaja zurufen.
Zur Fuge: „Man brachte den Namen ,Nachtwächter-Fuge' für sie auf, weil man der Ansicht war, Bach habe sich in dem Thema damit belustigt, den Hornruf des Nachtwächters nachzuahmen. (...) Nicht das Horn des Nachtwächters, sondern die Posaune des letzten Gerichts erschallt in dieser Fuge. Es ist, als ob Bach das Unerbittliche in seiner ganzen Majestät darstellen wollte. Aus den Zwischensätzen (...) klingt es wie Flehen, dem das abrupte Eintreten des Themas jedesmal ein Ende macht." (A. Schweitzer, „Die Orgelwerke J. S. Bachs - Vorworte zu den ,Sämtlichen Orgelwerken'", Hildesheim - Zürich - New York, 1995, S. [92]
Rainer Noll, geb. 1949 in Wiesbaden. 1964 - 1968 erste Organistenstelle; zunächst Physik- und Mathematikstudium in Mainz und Hamburg, dann Musikstudium in Siena (1967 bei Fernando Germani, Organist am Petersdom in Rom), Hamburg (u. a. bei Jürgen Jürgens) und Frankfurt am Main (Staatsexamen für Kirchenmusiker, u. a. bei Helmuth Rilling - Meisterkurse u. a. bei Daniel Roth, Organist an St. Sulpice, Paris); seit 1972 hauptamtlicher Kantor an St. Martin in Kelsterbach; 1979 - 1993 Gründung und Leitung der „Kantorei St. Martin". 1981/82 künstlerischer Leiter der „Airport Chapel Concerts" des Rhein-Main Flughafens Frankfurt. Seit dem 10. Lebensjahr intensive Beschäftigung mit Albert Schweitzer; 1973, inspiriert vom Orgelideal Schweitzers, Entwurf der neuen Orgel der Evangelischen Kirche in Wiesbaden-Bierstadt und Begründung der dortige Konzerttradition. Seit 1995 projektweise Leiter der „Idsteiner Vokalisten", die er bereits zu vielbeachteten Höhepunkten führte. Konzerte, Schallplatten- und Rundfunkaufnahmen, Vorträge und Veröffentlichungen (u. a. über Ethik und Musikauffassung Albert Schweitzers) im In- und Ausland (Europa, USA, Japan). 1982 - 1989 Katalogisierung des nachgelassenen Notenbestandes in Schweitzers Haus in Günsbach/Elsass, 1991 und 1992 die gleiche Arbeit an den von Schweitzer eingespielten Schallplatten. Er nimmt durch das jährlich seit 34 Jahren unter seiner Leitung stattfindende „Bach-Konzert", der „Musikalischen Meditation zur Todesstunde Jesu" am Karfreitag sowie der vor 29 Jahren von ihm begründeten „Abendmusik zum Weihnachtsmarkt" einen bedeutenden Platz im Kulturleben der Stadt Kelsterbach und der ganzen Region ein (u. a. mit Orchestern wie Heidelberger Kantatenorchester, Collegium Piccolo Frankfurt, Junge Kammersinfoniker Hessen, Main-Barockorchester Frankfurt, Mainisches Collegium Musicum).
Daneben erfreuen sich die 1990 begründeten „Torhauskonzerte" sowie die jährlichen musikalischen Weinproben im Erbacher Hof, Nolls Wohnsitz in Wiesbaden-Nordenstadt, großer Beliebtheit (siehe auch www.erbacher-hof.de).