So lautet der Titel des Vortrages, den Rainer Noll am Samstag, dem 25. September 2010, um 17 Uhr in der Evangelischen Kirche Wiesbaden-Auringen über Leben und Denken des humanistischen Theologen, Philosophen, Arztes und Musikers Albert Schweitzer (1875 – 1965) halten wird (mit Musikbeispielen).
Hat dieser Mann uns heute noch etwas zu sagen, der aus einer anderen Zeit kommt, und den unsere Zeit längst überholt zu haben scheint?
Schon seine äußere Erscheinung, sein ganzer Habitus verweist auf eine vergangene Zeit: das 19. Jahrhundert. In diesem Jahrhundert wurzelt seine liberale Theologie, die liberaler ist, als sie meist wahrgenommen wurde und wird, aber zugleich radikaler ist in dem „Du aber folge mir nach!“ als bei den meisten Theologen. Gleich zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab er der theologischen Wissenschaft Impulse, die bis heute nachwirken.
Auch sein Orgelspiel und seine Orgelbauvorstellungen sind ganz von der Romantik geprägt. Dies erscheint geradezu paradox, ja missverständlich, da gerade er es war, der der Bach-Interpretation des 20. Jahrhunderts wichtige Anregungen gab und eine Bewegung im Orgelbau initiierte, die dann als „Orgelbewegung“ weit über ihn hinausging. Noch in 2010 soll bei Schott in Mainz eine Neuveröffentlichung seiner Orgeleinspielungen erscheinen.
Eine Art „Goldenes Zeitalter“ sah er im 18. Jahrhundert, dessen aufklärerisches Denken er in seiner Philosophie fortzuschreiben versuchte, und dessen Gipfel er in seiner „Ehrfurcht vor dem Leben“ erreicht sah. Die Rolle des Kulturphilosophen, der diese Ehrfurcht allen Menschen und Religionen predigen wollte, war ihm wichtiger als die des Theologen. Zwischen 1995 und 2006 (über dreißig Jahre nach seinem Tod!) erschienen zehn umfangreiche Bände aus dem Nachlass, die sein unermüdliches denkerisches Ringen dokumentieren, auch wenn vieles unvollendet bleiben musste.
Lange bevor von Entwicklungshilfe und ökologischem Bewusstsein die Rede war, praktizierte er beides als Arzt in Afrika und als Erbauer eines Spitaldorfes, das er als „Dorf des Reiches Gottes“ bezeichnete.