Albert Schweitzer

Vortrag in Halle/Saale

19.06.2013 - 19:30

Mittwoch, 19. Juni, 19:30 Uhr, Händel-Haus Halle/Saale:

„Das missverstandene Orgelideal Albert Schweitzers – eine Überraschung nach seinem Orgelkonzert in der Marktkirche in Halle (1928)"

(Vortrag von Rainer Noll in der Reihe „Musik hinterfragt“)

„Albert Schweitzer und die Musik" - Vortrag in Nierstein am 02. Oktober 2011

„Albert Schweitzer und die Musik"

Vortrag (mit Orgelkonzert) von Rainer Noll am 2. Oktober 2011

in der Martinskirche zu Nierstein

(überarbeitete Nachschrift)

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

der Name Al Imfeld wird Ihnen nichts sagen: er ist ein Journalist aus der Schweiz, geboren am 14. Januar 1935 (auf den Tag genau 60 Jahre nach Albert Schweitzer), Theologe und Afrikakenner; und großer Schweitzerverehrer. Er wurde mit Schweitzers Schriften schon in seiner Jugend durch seine Mutter vertraut gemacht. Zu Schweitzer hat er sich geäußert in einem Rundfunk-Interview (SWR 2 Forum, 13.11.2009). Gleich nach seinem Abitur wollte er nach Lambarene, um sein Idol kennen zu lernen. Er fuhr dorthin 1954, und er reiste Hals über Kopf nach drei Tagen wieder ab. Er war nach eigener Aussage „schockiert", als er Schweitzer persönlich kennen lernte. Warum? Weil sein Idol nicht genau dem entsprach, was er erwartet hatte. So geht es sicher mit vielen „Heiligen": sie werden umso heiliger, je weiter sie weg sind, räumlich und zeitlich - je näher man ihnen kommt, desto problematischer wird das Verhältnis (deshalb scheinen sie heute fast ausgestorben). Anlass war nicht nur, dass Schweitzer ihm die Benutzung seiner mitgebrachten Schreibmaschine verbot mit schroffen Worten: „Gehen Sie weg mit der!", er wolle die Menschlichkeit nicht aus seinen Briefen verbannen (Schweitzer schrieb selbst alles mit der Hand, obwohl er vom Schreibkrampf geplagt war). Dies mag man zu Recht als fortschrittsfeindlich oder auch als schrullig abtun, und dennoch trifft Schweitzer damit einen Nerv (wie bei so vielem). Der eigentliche Grund für den Schock war folgender. Al Imfeld, humanistisch erzogen, verehrte in Schweitzer einen der größten Humanisten unserer Zeit. Gleich am ersten Tag erklärte ihm Albert Schweitzer: „Diese Neger hier sind noch keine Menschen, die sind erst auf dem Weg, die sind Kinder." Man muss allerdings Schweitzer zum richtigen Verständnis übersetzen: mit „Menschen" meinte er natürlich Erwachsene. Dies war Schweitzers Auffassung, dass die Eingeborenen zwar seine Brüder seien, aber seine jüngeren Brüder. Hier gab es also ein Missverständnis und deshalb eine Enttäuschung. Gerade dieser Al Imfeld berichtet auch, was kaum bekannt ist (und wer hätte das gedacht?), dass Schweitzer das Apartheidssystem in Südafrika zu dem damaligen Zeitpunkt in Briefen befürwortet hat, weshalb einige ihn für einen Rassisten halten, der er beileibe nicht war (wie allerdings auch kein „lupenreiner Demokrat"). Ich will hier keine „Heiligenschändung" betreiben, ich will auf etwas ganz anderes hinaus. Fast immer wurde von Albert Schweitzer ein Idealbild gezeichnet, sogar von ihm selbst. Wer immer es noch so wohlmeinend wagte, dieses in fruchtbare Spannung zu einem Realbild treten zu lassen (ein „Sakrileg"!), wurde und wird in gewissen, manchmal sektiererischen Schweitzer-Kreisen zur persona non grata (was ich gerade mit diesen Sätzen wieder riskiere). Ich berichte dies alles, weil kaum eine andere Person in vielerlei Hinsicht gerade deshalb so missverstanden wurde wie er. Heute haben wir die Tendenz, dass sein Name wie ein Etikett vielen Dingen einfach aufgeklebt wird. Er soll quasi als Qualitätssiegel gelten. Vordergründig zählt hier der Marketingerfolg (Quotenprinzip, Verwertbarkeit), ohne dass man sich noch um eine wahrhaftige Auseinandersetzung mit der Substanz seiner durchaus kantigen, unbequemen und manchmal widersprüchlich scheinenden Persönlichkeit bemüht, denn dies macht Mühe und erfordert Differenzierteres, als eine Schlagzeile zu lesen. Unausgesprochenes Motto: „Schweitzer, wie wir ihn brauchen" statt „wie er war". Dabei hat Albert Schweitzer es am wenigsten nötig, zum Legenden-Heiligen und Alles-Könner, eben zum Halbgott hochstilisiert zu werden, als den man ihn vielleicht besser „verkaufen" kann - so, wie eine sofort eingängige, banale Melodie auch zunächst bei der Masse besser ankommt als eine charaktervolle (zunächst!). Denn er ist innerhalb seiner menschlichen Grenzen gewaltig genug, um vor jeder Wahrhaftigkeit zu bestehen. Nicht Nach- oder Anbetung, die man ihm entgegenbringt, sondern Anregung, die von ihm ausgeht, ist es, wofür ich plädiere.

Albert Schweitzer und die Musik

02.10.2011 - 18:00

So lautet der Titel des Vortrages, den Rainer Noll am Sonntag, dem 2. Oktober 2011, um 18 Uhr in der Evangelischen Martinskirche in Nierstein als Abschluss der Ausstellung und der Veranstaltungsreihe „Albert Schweitzer in Nierstein und Rheinhessen" halten wird (Eintritt frei - um eine Spende wird gebeten).

Anschließend spielt Noll, dessen Orgelinterpretation von Anfang an durch Schweitzer geprägt wurde, ein Orgelkonzert mit Bachwerken, die auch Albert Schweitzer oft gespielt hat: die Fuge g-moll, die Choralvorspiele „Schmücke dich, o liebe Seele" und „Vor deinen Thron tret ich hiermit" sowie  Präludium und Fuge e-moll. Darüber hinaus erklingt eine Fantasie über die Töne A - (E)s, Schweitzers Namensinitialen, die Lothar Graap (geb. 1933) als „Hommage à Albert Schweitzer zum 125. Geburtstag" komponiert hat.

In dem Vortrag geht es nicht nur um den musikalischen Werdegang Schweitzers, sondern auch um die Frage: Was hat dieser Mann uns heute noch musikalisch zu sagen, der aus einer anderen Zeit kommt, und den unsere Zeit längst überholt zu haben scheint? Schon seine äußere Erscheinung, sein ganzer Habitus verweist auf eine vergangene Zeit: das 19. Jahrhundert. Auch sein Orgelspiel und seine Orgelbauvorstellungen sind ganz von der Romantik geprägt. Dies erscheint geradezu paradox, ja missverständlich, da gerade er es war, der der Bach-Interpretation des 20. Jahrhunderts wichtige Anregungen gab und eine Bewegung im Orgelbau initiierte, die dann als „Orgelbewegung" weit über ihn hinausging.

Mit Rainer Noll konnte ein Referent gewonnen werden, der sich seit seinem zehnten Lebensjahr mit Schweitzer in allen Facetten auseinandersetzt. Er ordnete und katalogisierte seinen musikalischen Nachlass in seinem Haus in Günsbach im Elsass. Die ergreifende Beseeltheit und Wärme und die jede Veräußerlichung meidende glutvolle Intensität der Orgelinterpretationen Rainer Nolls bezeugen den fast vergessene Geist des Orgelspiels Albert Schweitzers und halten ihn gegen den Trend der Zeit lebendig. Inspiriert von Albert Schweitzer, entwarf Noll 1972/73 die neue Orgel in der Evangelischen Kirche in Wiesbaden-Bierstadt, die auch eine authentische Wiedergabe der Orgelwerke der deutschen und französischen Romantik ermöglicht - damals der Zeit weit voraus, heute eine Selbstverständlichkeit (siehe dazu http://www.erbacher-hof.de/orgel/bierstadt).

Nolls Veröffentlichungen zu Schweitzer sind zu finden unter:

www.erbacher-hof.de.

Albert Schweitzer: unzeitgemäß aktuell

(Vortrag von Rainer Noll, 25.9.2010, Ev. Barockkirche Wiesbaden-Auringen, 17 Uhr)

Ich beginne mit Präludium d-moll BWV 539 auf der Raßmann-Orgel von 1889 (manualiter wegen nachoperativer Fußerkrankung) - Dann Hörbeispiel: Albert Schweitzer spielt Präludium C-dur BWV 545 auf der Orgel in All Hallows by the Tower, Barking Essex /London (Aufnahme: 16.-18.12.1935).

Albert Schweitzer: unzeitgemäß aktuell

25.09.2010 - 17:00

So lautet der Titel des Vortrages, den Rainer Noll am Samstag, dem 25. September 2010, um 17 Uhr in der Evangelischen Kirche Wiesbaden-Auringen über Leben und Denken des humanistischen Theologen, Philosophen, Arztes und Musikers Albert Schweitzer (1875 – 1965) halten wird (mit Musikbeispielen).
Hat dieser Mann uns heute noch etwas zu sagen, der aus einer anderen Zeit kommt, und den unsere Zeit längst überholt zu haben scheint?

Zum Albert-Schweitzer-Boom

Bemerkungen von Rainer Noll zu dem derzeitigen „Albert-Schweitzer-Boom" in Film, Sendemedien, einigen Buchpublikationen und Diskussionen (21.1.2010):

In „Verfall und Wiederaufbau der Kultur" (München, 1960, S. 25) schreibt Albert Schweitzer bereits 1923 harte Worte: „Zeitschriften und Zeitungen haben sich in steigendem Maße in die Tatsache zu finden, daß sie alles nur in der leichtestfaßlichen Form an den Leser heranbringen dürfen. [...] Einmal mit dem Geiste der Oberflächlichkeit erfüllt, üben diese Organe, die das geistige Leben unterhalten sollten, ihrerseits eine Rückwirkung auf die Gesellschaft aus, die sie in diesen Zustand brachte, und drängen ihr die Geistlosigkeit auf." Und in „Aus meinem Leben und Denken" (=LD, Siebenstern-TB, München und Hamburg, 1965, S. 183) lesen wir bei ihm: „Wie durch die Lichtreklamen, die in den Straßen der Großstadt aufflammen, eine Gesellschaft, die kapitalkräftig genug ist, um sich durchzusetzen, auf Schritt und Tritt Zwang auf ihn [den heutigen Menschen]  ausübt, daß er sich für ihre Schuhwichse oder ihre Suppenwürfel entscheide, so werden ihm fort und fort Überzeugungen aufgedrängt."

Zum Tempo der Orgelweke am Beispiel Albert Schweitzers

(erschienen in "Forum Kirchenmusik" 03/2010)

„Erste und letzte Forderung bleiben Klarheit und Plastik":

Nochmals Wider den eiligen Geist" und für „Slow-Food statt Formel 1"

Die beiden Artikel von Armin Schoof („Wider den eiligen Geist", Forum Kirchenmusik, 3/2009, S. 15 ff) und von Herfried Mencke  („Slow-Food statt Formel I...", Forum Kirchenmusik, 6/2009, S. 20 ff) veranlassen mich, zu diesem Thema, mit dem ich mich (auch mit anderen) schon ein Leben lang auseinandersetze, ebenfalls einiges beizutragen. Um es gleich zu sagen: zustimmend und vor allem ergänzend.

Die Klage über falsche (überwiegend zu schnelle) Tempi in der Musik ist fast so alt wie die Klage über die Verderbtheit der Jugend. Tadel und Warnungen finden sich von dem bei Schoof erwähnten Schütz über C. Ph. Emanuel Bach, Quantz, Mozart, Beethoven, Schumann, Reger (diesen siehe auch Schoof) bis in die heutige Zeit (um nur einige namentlich anzuführen). Auch das Tempo folgt interpretatorischen „Moden", das Pendel schlägt auch hier nach beiden Seiten aus.

„Geistesgegenwart“ – ein Beispiel aus der modernen Musik der Kirche

„Geistesgegenwart" - ein Beispiel aus der modernen Musik der Kirche (1)
(mit Exkurs:  »„im Geiste von..." bei Albert Schweitzer«)

Vortrag von Rainer Noll, gehalten am 15. März 1997 während der Internationalen Seminartage des Albert-Schweitzer-Hauses in Günsbach/Elsaß (Gesamtthema: Heiliger Geist - Geist des Lebens - Geist der Wahrheit) als Einführung zum abendlichen Orgelkonzert von Rainer Noll in der Pfarrkirche Günsbach auf der von Schweitzer geplanten Orgel

Die ethische Haltung Albert Schweitzers

Vortrag für „Künstlerhort" in Verbindung mit Städtischem Kulturamt Wiesbaden, gehalten am 4.12.1979 von Rainer Noll

in der Villa Clementine Wiesbaden

Sehr geehrte Damen und Herren!

An den Anfang stelle ich Fragen: Was ist der Sinn meines Daseins und welchen Inhalt soll mein Leben haben? „Was bedeutet die Gesellschaft, in der ich lebe, und ich selber in der Welt? Was wollen wir in ihr? Was erhoffen wir von ihr?" (K I, S. 63)

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