Nordenstadt liegt östlich von Wiesbaden, links der Autobahn (A 66) von Wiesbaden nach Frankfurt. Fast bis zur Eingemeindung zu Wiesbaden im Jahre 1977 war Nordenstadt eine kleine Landgemeinde bäuerlichen Charakters.
Die evangelische Barock-Kirche des Dorfes wurde in
den Jahren 1718-1738 erbaut. Lehrer Maurer berichtet unter der Jahreszahl
1885-86 in der Schulchronik, die erste Orgel sei um 1709 erbaut worden. Wie die
Schulchronik, so nennt auch Bösken als Erbauer den sächsischen Orgelbauer Georg
Friedrich Weißhaupt [aus Friedenstein], der sich in Idstein/Ts. niedergelassen
hatte. Als Entstehungszeit gibt Bösken um 1713 an [1]. Nach
diesen Angaben müsste also diese Orgel kurz vor dem Kirchenneubau noch für die
nach dem 30jährigen Krieg notdürftig wiederhergestellte vorherige Kirche
angeschafft worden sein. Sie besaß 11 Register auf einem Manual und Pedal. In
den Jahren nach 1800 war sie öfter reparaturanfällig. Im Jahre 1876 erhielt sie
ein neues „Magazingebläse", wie es im Vertrag mit den Orgelbauern
Gebrüder Voigt aus dem benachbarten Igstadt heißt. Schon in den Jahren davor
hatte die Werkstatt Voigt das Instrument in Pflege. So lag es nahe, sich auch
an diese Werkstatt zu wenden, als man schließlich doch des altersschwachen und
dazu längst dem Zeitgeschmack nicht mehr entsprechenden Barockinstrumentes
überdrüssig war. Heinrich Voigt (inzwischen nicht mehr Gebrüder Voigt)
unterbreitete der Gemeinde einen detaillierten, auf den 19. Juli 1884 datierten
Kostenvoranschlag für eine neue Orgel mit 20 klingenden Stimmen, zwei Manualen
und Pedal.
Am 28. August 1884 kommt es auf der Basis des Kostenvoranschlags vom 19. Juli zum Vertragsabschluss zwischen dem Kirchenvorstand und Heinrich Voigt. Es ist sehr aufschlussreich, dieses Dokument gewissenhafter Planung wenigstens auszugsweise kennen zu lernen:
„Disposition u. Kostenanschlag [...]
Umfang der Manuale C-f''' 54 Töne, Umfang des Pedals C-d' 27 Töne, Stimmung
neue Pariser Tonhöhe [3].
A. Hauptwerk, kräftige Intonation, weite Mensur
1. Prinzipal
8', ganz von 14 löth. [engl.] Zinn [4],
kommt soweit thunlich in den Prospect zu stehen. Die Größeren bekommen
aufgeworfene, die Kleineren gedrückte Labien und wird poliert, Mensur V, [...],
Ton singend mit vernehmbaren Strich.
2. Bordun 16', Holz, mit außwärts
gestochenen Labien, gedeckt, von C-h Tannenholz vom c' Deckel von Birnbaum, vom
c'' an ganz von Birnbaumholz, Mensur III, [...], Ton voll und weich.
3. Viola di Gamba 8', von 12 löth. Zinn [5],
Mensur II, [...], Ton scharf streichend.
4. Hohlflöte 8', Holz, offen, von C an
bis h ganz von Tannenholz, vom c' an Deckel Birnbaum, von c'' an ganz
Birnbaumholz, Mensur IV, [...], Ton weich und klar.
5. Trompete 8', aufschlagend, Kehlen und
Zungen von Messing, Stiefel und Körper von 12 löth. Zinn, mittlere Mensur, [...],
Ton stark und rund.
6. Octave 4', von 12 löth. Zinn, Mensur
V, [...], Ton etwas stärker wie Prinzipal.
7. Flöte travers 4', von C-H Kiefern,
von c bis h Deckel von Birnbaum, vom c' an ganz Birnbaumholz, überblasend, [...],
Mensur II, Intonation der Orchesterflöte nachahmend.
8. Quinte 2 ²/³',
von 12 löth. Zinn, Mensur V, [...], Ton dumpf und voll.
9. Octave 2', von 12 löth. Zinn, sonst
wie Octave 4' [wurde als Piccolo 2' ausgeführt].
10. Cornett-Mixtur 4fach [auf
Registerzug Mixtur-Cornette], von 12 löth. Zinn, von C-fs
Prinzipalmensur, von g an 2 Töne weiter, ist wie folgt zusammengesetzt:
Auf C steht g-c'-g'-c'' 8' Ton
auf c steht c'-g'-c''-g'' 8' Ton
auf g steht g'-d''-g''-h'' 8' Ton
und so fort, ohne zu repetieren.
B. Oberwerk, sanfte Intonation, enge Mensur.
11. Geigenprinzipal 8', von C-H Tannenholz, offen, Fortsetzung 12 löth. Zinn,
Mensur III [...], Ton etwas zärter wie Prinzipal im Hauptwerk u. mit
mehr Strich.
12. Salicional 8', tiefe Octave Kiefernholz, offen, Fortsetzung 12 löth. Zinn,
Mensur I, [...], Ton fein streichend.
13. Vox-celeste 8', tiefe Octave Tannenholz, offen, Fortsetzung 12 löth. Zinn,
Mensur I, [...], Ton sehr streichend [schwebend mit Salicional].
14. Gedackt 9', Holz mit auswärtsgestochenen Labien, von C-h Kiefern, vom c'
an Birnbaumholz, Mensur III, [...], Ton weich.
15. Flöte-Dolce 4', von C-H Kiefern, von c-h Deckel von Birnbaum, vom c' ganz
von Birnbaumholz, [...], Mensur II, Intonation etwas weicher wie
Flöte-travers.
16. Harmonieflöte 8', von C-h Kiefern, von c'-h' Deckel von Birnbaum, vom c''
ganz von Birnbaumholz, [...], Mensur II, Ton stark überblasend.
C. Pedal, starke Intonation, weite Mensur
17. Subbass 16', von Tannenholz, gedeckt, [nach außen labiert], Mensur
VI, [...], dicke, volle Intonation.
18. Violon 16', von Tannenholz, ganz offen und in natürlicher Länge von C an,
Mensur III, [...], Ton rund streichend.
19. Tuba 16', durchschlagend, Platten, Zungen und Krücken von Messing, Stiefel
und Körper von Holz, Ton rund und voll.
20. Cello 8', von C-e Tannenholz mit eingesetzten Labien von Birnbaumholz, von
f an von 12 löth. Zinn, Mensur II, [...], Intonation sanft strechend."
Die tatsächliche Reihenfolge der Register auf den Windladen, wobei das
„Oberwerk" unter das Hauptwerk, das Pedal hinter beide zu stehen kam und nur
die Hauptwerkslade eine C/Cis-Teilung erhielt, ist folgende:
HW: 1, 2, 3, 4, 7, 6, 8, 9, 10, 5. OW: 11, 12, 13, 14, 16, 15. P: 19, 20, 18,
17. Auch in anderen Einzelheiten weicht die Ausführung leicht vom
Kostenvoranschlag ab.
Unter D. folgen Angaben zu den Nebenzügen: Manualkoppel und Windablassventil
als Züge und Pedalkoppel zum Hauptwerk, Piano, Forte und Tutti als Tritte.
Bezüglich der Koppeln wird gefordert, dass sie während des Spielens betätigt
werden können. Die ursprüngliche Zusammensetzung der festen Kombinationen ist
erhalten geblieben. Sie weicht allerdings von der merkwürdigen Angabe im
Kostenvoranschlag ab, nach der durch Piano das gesamte Oberwerk durch Forte das
gesamte Hauptwerk und durch das Tutti Hauptwerk, Oberwerk und Pedal erklingen
sollen. Das Piano zieht Viola di Gamba 8',
Hohlflöte 8', Salicional 8', Harmonieflöte 8', Subbass 16'. Das
Forte zieht zusätzlich. Principal 8', Flöte travers 4', Octave 4', Gedackt 8,
Flöte dolce 4' und Cello 8', der Tutti-Tritt zieht alle klingenden Register
außer Voix céleste 8'.
„Nähere Bestimmungen" schließen sich in zwölf
Paragraphen an (Gehäuse, den seitlich platzierten Spielschrank, Windladen,
Traktur, Bälge, Windkanäle, Pfeifenwerk, Aufstellungs- und Garantiebedingungen
sowie den Festpreis betreffend). In Paragraph II heißt es: „Die Manual- und
Pedalwindladen werden nach Art der Kegelladen construiert. Dieselben bekommen
anstatt einschlagende, aufschlagende Kegel, wodurch der Wind nicht so verführt
zu werden braucht." Zur vollmechanischen Traktur, § VI: „Die Abstractur
aus hängenden Wellbretter u. Winkel bestehend, wird von leichten geraden
Tannenholz, die Winkel von überzinntem Eisen in Kapsel gehend gefertigt." Die Gesamtzahl der Pfeifen wird mit 1112
angegeben (§ X). Die Aufstellung wird bei drei Mann auf 16 Tage Dauer
veranschlagt (§ XI), die Garantie für solide Ausführung für 10 Jahre
übernommen, und für die regelmäßige jährliche Stimmung werden 20 Mark
vereinbart (§ XII), was im Vertrag noch einmal bestätigt wird.
Der Kostenvoranschlag erhält einen Nachtrag vom 16. Okt. 1884, dass die Front
des Gehäuses aus Eiche und nur das Seitengehäuse aus Tannenholz gefertigt
werde, wodurch eine Verteuerung von 64o Mark entsteht, der Endpreis somit 6430
Mark beträgt (ebenfalls im Vertrag bestätigt).
Die Rechnung von Bautechniker Joseph Morr für die Bauzeichnungen trägt das
Datum vom 31. Oktober 1884.
Am 30. November 1884 erhält auch der Vertrag einen Nachtrag, der die
Bedingungen der am 7. November erteilten Baugenehmigung des „königl. preuß.
Consistoriums" in Wiesbaden aufnimmt. Der wesentliche Punkt hierbei ist: „Bei
der Detaillierung des Gehäuses sind die Profile des Prospektes der ev.
Kirchenorgel zu Höchst aufs genaueste einzuhalten und darzustellen." Diese Orgel war 1883 für die gerade fertig
gestellte Stadtkirche in Frankfurt-Höchst von den Gebr. Voigt erbaut worden
(1975 wurde sie nach mehreren Umbauten durch einen Neubau der Fa.
Ahrend/Leer-Loga/Ostfriesland ersetzt).
Eine Beschreibung aus kunsthistorischer Sicht gibt Dieter Großmann: „Eines
der m. W. seltenen Gehäuse von ausgesprochenem Renaissance-Charakter steht in
Nordenstadt bei Wiesbaden [...]. In Nordenstadt schließt über dem
mittleren Rundbogen ein Gebälk ab, das von einem flachen, vasenbekrönten
Dreiecksgiebel überfangen wird. Der Mittelteil stützt sich mit Voluten auf die
Obergesimse der kleinen Felder; die Gesimse sind zugleich oberer Gebälkteil des
Hauptbogens, laufen aber auch nach außen durch und umrunden die stark nach
vorn, etwas aber auch nach der Seite vorspringenden Türme, die von geschuppten
Kuppeln bekrönt werden, auf denen sich obeliskenartige Baluster erheben.
Korinthisierende Säulen mit Balusterschaft rahmen die Türme seitlich. Obwohl
sämtliche Felder des Ornaments ermangeln, wirkt die eigenwillige Gesamterscheinung
mit ihrer Architektonik recht ansprechend." [6]
Gemeinderat und Kirchenvorstand beschließen am 12. Juli 1885, die alte
Orgel an die „früher schon im 12. Jahrhundert zur Mutterkirche in
Nordenstadt eingepfarrte" Gemeinde Wildsachsen zu verschenken, die „ob
dieses mütterlichen Geschenkes" hochbeglückt war [7]. Dort schmückt heute noch das reich ornamentierte Barockgehäuse
den Chorraum der kleinen Kirche, das seit 1961 ein neues Orgelwerk (Fa.
Bosch/Sandershausen) beherbergt.
Am 23. November 1885 schließt der Kirchenvorstand mit Lackierer Wilhelm Schmidt
aus Igstadt den Vertrag betreffs der anfallenden Vergoldungsarbeiten an der
neuen Orgel. Für diese Arbeiten liefert A. Lantz für 12 Mark den Entwurf in
Form einer Wasserfarbenzeichnung (Rechnungsdatum 17.2.1886). Bei der
Innenrenovierung im Jahre 1967 ging es darum, die Orgel als stilistischen
Fremdkörper im barocken Raum möglichst neutral zu halten, so dass die heutige
Farbgebung nicht der ursprünglichen entspricht.
Nach einigen Vorarbeiten (das gesamte Kircheninnere wird in diesem Zusammenhang
für ca. 10 000 Mark einer gründlichen Renovierung unterzogen) kann endlich im
November 1885 mit dem Orgelneubau begonnen werden - mit deutlichem Verzug, denn
lt. Vertrag sollte die neue Orgel bis 30. September 1885 „fix & fertig" aufgestellt
sein, wo die verschenke Orgel ihre auffällige Lücke hinterlassen hatte: auf der
Empore im Chorraum, oberhalb des Altares.
Als musikalischer Sachverständiger prüft der „Pianist u. Organist der
protest. Hauptkirche zu Wiesbaden", Adolf Wald [8],
das spielfertige Instrument am 29. Januar 1886 drei Stunden lang. Am 4. Februar
legt er ein in Ausführlichkeit und Gewissenhaftigkeit dem Voigtschen
Kostenvoranschlag in nichts nachstehendes schriftliches Gutachten vor. U. a.
heißt es: „Es gereicht mir zum besonderen Vergnügen, Herrn H. Voigt, welcher
mir schon seit einer Reihe von Jahren als ein äußerst strebsamer, reeller u.
solider Orgelbauer bekannt ist, das ehrende Zeugniß ausstellen zu können, daß
die neue Orgel in der Kirche zu Nordenstadt ihm in jeder Beziehung gelungen ist
und einen außerordentlichen Fortschritt seiner Leistungsfähigkeit bekundet." Das
8seitige Dokument hätte es verdient, ungekürzt wiedergegeben zu werden. Wald
beschreibt ausführlich Kraft, Fülle und Majestät des vollen Werkes, die
Klangschönheit besonders aller 8'-Stimmen des 1. Manuals und die
Verschmelzungsfähigkeit der Streicher des II., die leichte Spielart, die gute
gleichschwebende Temperatur der Stimmung, die gute Intonation und
Windversorgung sowie die durchdachte, solide und gewissenhafte handwerkliche
Ausführung. Lediglich den aus Zeitmangel als einziges Register nicht von Voigt
selbst gefertigten Bordun 16' wünschte er sich etwas weiter mensuriert. Aber
gerade mit diesem Bordun in Verbindung mit Salicional 8' des II. Manuals
gewinnt er „feierlichernste Klänge (ich möchte sie ,Charfreitagsstimmung'
nennen) [...], durch welche bei äußerst getragenem Spiel die andächtigen
Zuhörer auf erhebende Weise sich erbaut fühlen werden."
Im Pedal hebt er die durchschlagende Tuba 16' besonders hervor, die „Herrn
Voigt vorzüglich gelungen" sei: „Dieses Register, bezüglich der
Intonation gehalten zwischen Posaune 16' und Trompete 8', zeichnet sich durch
schönen, sonoren weichen Klang vorteilhaft aus, angenehm das Ohr berührend auch
dadurch, daß es nicht auffällig und schnarrend erscheint, wie dies häufig bei
Rohrwerken (Zungenstimmen) der Fall ist. Diese Tuba 16' läßt sich auch bei
sanfterem Spielen sehr gut gebrauchen, namentlich auch für Melodieführung im
Pedal, wie z. B. in den kunstvollen contrapunktischen Choral-Vorspielen von J.
S. Bach."
Für Prüfung und Gutachten, Reisebemühungen bei bodenlosen, schlammigen
Wegen und Rückkehr bei völlig dunkler Nacht, Auslagen für Reise und Porto sowie
Verluste durch Ausfall seiner Musikstunden berechnet und quittiert Adolf Wald
am 20. Februar 1886 90 Mark.
Auch der zuständige königliche Baubeamte, Baurat Moritz, gibt am 17. Februar
1886 seine Zustimmung zur Abnahme, nachdem die feierliche Einweihung der neuen
Orgel bereits am Sonntag, dem 14. Februar „bei dichtbesetzter Kirche" stattgefunden hat [9].
Lange hat Heinrich Voigt nicht auf sein Geld warten müssen: er bescheinigt am
19. März 1886, die vertraglich vereinbarten 6430 Mark bar erhalten zu haben,
wobei bereits vorher 5500 Mark als Abschlagszahlungen geleistet worden waren.
In den 100 Jahren ihres Bestehens erlebte die Orgel in Nordenstadt nur geringe
Veränderungen. 1917 mussten „die zwei größten unserer Kirchenglocken und die
Prospektpfeifen der hiesigen Kirchenorgel auf dem Altare des Vaterlandes
geopfert werden", berichtet Lehrer Wittgen in der Schulchronik. Diese
Maßnahme betraf neben Blindpfeifen die Pfeifen der Töne C-d° des Principal 8'.
Beim Spielen störte das den Lehrer weniger, aber das Äußere der „prächtigen
Orgel" betreffend klagt er: „Wo ist jetzt ihr schönes Gesicht? Wie vom
Feinde zerstört sieht sie aus."
Erst am 21.6.1924 quittierte Orgelbauer August Hardt (Möttau), die
Restzahlung für die gelieferten neuen Prospektpfeifen aus Zinkblech erhalten zu
haben. Er hatte bereits seit 1912 einen Wartungsvertrag mit der Gemeinde.
Im Jahre 1927 schaffte man ein Motorgebläse an, so dass das Balgtreten - bisher
von Konfirmanden besorgt - überflüssig wurde.
1933 begannen die Verhandlungen mit August Hardt zwecks Reparatur der
schadhaften Trompete 8' (durch Hartbleiköpfe geführte Messingstimmkrücken waren
wegen Grünspanansatz unbeweglich geworden). Am 30. Juli 1934 teilt Hardt mit, das
genannte Register sei leider nicht reparabel wie vorgesehen. Gleichzeitig
unterbreitet er ein Angebot für eine neue Trompete, die noch im selben Jahr
eingebaut wird (Kosten dafür nach Abzug von 65 RM Altmaterialvergütung für alte
Trompete: 85 RM, Rechnung vom 17. Januar 1935).
In den ersten beiden Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg hatte die
„Orgelbewegung" ihre volle Entfaltung erreicht: absolute Norm war inzwischen
die „Barockorgel" und was man dafür hielt. Welche Ironie! Nun hätte fast das
gleiche Schicksal die romantische Orgel von 1886 getroffen wie einst ihre
barocke Vorgängerin: man wollte sie loswerden oder doch zumindest „verbessern"
durch „Aufhellen" und „Barockisieren" des ganz und gar nicht barocken
Klangbildes. Es blieb ihr erspart, was viele gleichaltrige Orgeln, sofern man
sie überhaupt erhielt, zu entstellten Zwitterwesen machte. Sie blieb verschont,
bis die Zeit reif war für ein neu erwachtes Verständnis der Romantik.
Nach dreijährigen Verhandlungen führte die Firma Förster & Nicolaus (Lich)
im Jahre 1976 eine gründliche, stilgerechte Restaurierung für 73 200 DM durch. Dabei
wurden u. a. auch die behelfsmäßigen Zinkprospektpfeifen der 20er Jahre durch
neue aus 75 %iger Zinnlegierung ersetzt, und die leicht störanfälligen
Tonkegelventile des 1. Manuals erhielten zur Beschwerung Bleigewichte, um einen
besseren Fall bzw. Windabschluss zu erreichen (die Kegelventile des II. Manuals
und Pedals, bestehend aus einem 8 mm starken, unterseits belederten Ring von
Eichenholz, trugen bereits solche aufgestifteten Bleiplättchen). Ansonsten ist
dieses Instrument auf uns gekommen, wie es die Hände seines Schöpfers verlassen
hat: als lebendiges Zeugnis der in alter Handwerkstradition stehenden
Orgelbaukunst des ausgehenden 19. Jahrhunderts, als ein in sich geschlossenes
Kunstwerk dieser Epoche. Aus diesem Geiste will es verstanden und geliebt
werden.
Die Voigt-Orgel zeigt einen gewissen französischen Einfluss. Auch die
Verwendung z. B. überblasender Register (hier Harmonieflöte 8' und Flöte
travers 4') sowie auch die Intonation (besonders der Grundstimmen) erinnern an
Cavaillé-Coll. Beziehungen der Familie Voigt zumindest zum elsässischen
Orgelbau (Fa. Roethinger, Straßburg-Schiltigheim) lassen sich allerdings erst
einige Jahre später nachweisen.
Im Jahre 1889 musste die Firma Voigt Konkurs anmelden. Vermutlich wurde
Heinrich Voigt ein Opfer des Konkurrenzdrucks durch den industrialisierten und
zunehmend fabrikmäßig betriebenen Orgelbau, der nicht mehr in erster Linie den
Künstler und Handwerker, sondern den Kaufmann und Unternehmer forderte und
förderte (dennoch blieb die Orgelbautradition bis in unsere Tage in der Familie
Voigt). Er starb am 10.6.1906 (lt. Angabe seines Urenkels Gerhard Voigt in
Wiesbaden-Igstadt). Sein wohl letztes größeres Werk überdauerte ihn und
gereicht noch (und wieder!) nach 100 Jahren seinem Erbauer zur Ehre. Wie am
ersten Tage erklingt es Sonntag für Sonntag zum Lob Gottes und zur Erbauung der
Gemeinde.
Disposition:
|
I. Manual (C-f''')
Principal 8' Bordun 16' Viola di Gamba 8' Hohlflöte 8' Flöte travers 4' Octave 4' Quinte 2 ²/³' Piccolo 2' Mixtur-Cornette 4fach Trompete 8' |
II. Manual (C-f''')
Geigenprincipal 8' Voix celeste 8' Salicional 8' Gedackt 8' Harmonieflöte 8' Flöte dolce 4' |
Pedal (c-d')
Tuba 16' Cello 8' Violon 16' Subbass 16' |
Spielhilfen: Manual-Coppel (als Zug),
Pedal-Coppel, Tutti, Forte, Piano (als Tritte)
Vollmechanische Kegellade
Im Jahre 1999 lieferte die Fa. Förster & Nicolaus ein neues Gebläse
und belederte den Blasebalg neu (beide auf dem Dachboden über der Orgel
platziert). Gleichzeitig wurde ein Windkanal zum Ansaugen
raumtemperierter Luft aus dem Kirchenraum geschaffen.
1 Franz Bösken, Quellen und Forschungen zur Orgelgeschichte des Mittelrheins, Mainz 1975, Bd. II, S. 677.
2 Im Besitz seines Enkels Heinrich Wilhelm Voigt [1904 - 1992], Orgelbauer in Frankfurt/Main-Unterliederbach.
3 435 Hz bei 15° C, auf Vorschlag der Académie des Scienses 1859 in Frankreich eingeführt, 1885 auf Wiener Stimmtonkonferenz allgemein beschlossen.
4 14lötiges Zinn = 87,5 %ige Zinnlegierung
5 12lötiges Zinn = 75 %ige Zinnlegierung
6 In welchem Style sollen wir bauen?, in: Acta Organologica, Berlin 1984, Bd. 17, S. 66. Großmann gibt hier irrigerweise 1888 als Erbauungsjahr an, was schon Bösken Bd. II, S. 677 tat. Der Fehler findet sich bereits im Inventarverzeichnis vom 15. September 1916 (Pfarrarchiv Nordenstadt unter Nr. 566).
7 Schulchronik Nordenstadt.
8 geb. 1837, gest. 1905, Studium in Leipzig, 1867-1905 Organist der Hauptkirche (heute Marktkirche) zu Wiesbaden. Damals einziger hauptamtlicher Kirchenmusiker im nassauer Land!
9 lt. Lehrer Maurer, Schulchronik Nordenstadt, S. 66. Der Gemeindepfarrer, Consistorialrat Herdt, gibt in der Kirchenchronik den 12. Februar 1886 an, einen Freitag - mit Sicherheit ein Irrtum!
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